Heimkommen: Kleine Freuden und Comfort Food

Pfanne mit Kartoffelscheiben

Vom Glück des Heimkommens – Januarbrief

Wahrscheinlich ist das letzte, was Du von mir gelesen hast, der Newsletter von brand eins digital gewesen, es gab dort Ente. Seitdem flogen in meinen digitalen Briefkasten stapelweise Newsletter, die mit den Worten „Das Jahr neigt sich dem Ende zu“ begannen, während sich genannter Vorgang, wie jedes Jahr, nicht wie ein Neigen, sondern vielmehr wie ein Wegflutschen angefühlt hat. Zack, stehst Du da, im Schneematsch, der Urlaub ist zu Ende und die Welt im Januar ist voller Entsagungswahnsinn in einem Ausmaß, das für ein ganzes Jahr genügen würde. 

Nun möchte ich niemandem den Spaß am Entsagen verderben, sondern den Blick auf all das Schöne richten, das wir nur sehr selten wahrnehmen, nämlich dann, wenn wir aus dem Urlaub kommen. Eine Freundin schrieb mir vorhin von einer kanarischen Insel aus: „Es ist immer hart, zurückzukommen“. Da ist was dran, denn hier ist weder Lombok noch Mykonos. Hier ist meistens kälter, hier ist meistens weniger Lächeln. Aber während man so friert unter der ganzen engen Kleidung, sich der freigeschwommene Schulter-Nacken-Trakt verlässlich wieder härtet, prasseln in den ersten Tagen doch viele kleine Freuden auf uns herab, die sonst unsichtbar sind.

Damit meine ich nicht die Wiedersehensfreude mit vertrauten Speisen, endlich wieder Kartoffeln, Vollkorn, Sauerkraut, endlich wieder ordentliches Brot und Käse. Das vergisst man nicht, egal, wie gerne man Reis und Nudeln isst. * Ich möchte viel lieber von den kleinen Dingen erzählen, die ich nur in diesen wenigen Tagen nach der Rückkehr von einer Reise wirklich wertschätze, egal zu welcher Jahreszeit und zu welchem Reiseziel, dabei sind sie so kostbar. Ich erlebe sie so:

Los geht die Freude meist schon direkt nach der Landung, nämlich beim einwandfrei abschließbaren Flughafenklo mit geklärter Papiersituation. Auf der Rückfahrt rede ich mit der Zugbegleitung aus Gewohnheit noch mal englisch, betrachte verschlafen den roten Nothammer und finde ihn irgendwie schön. Es wird im Ruheabteil weder gesungen noch sein jeweils eigenes Fernsehen geschaut. Der Sitz ist sauber, trocken und unfassbar breit. Ich lese die letzten Seiten vom Murakami, die ich am Strand nicht geschafft beziehungsweise fürs Flugzeug aufgespart habe, in dem ich dann doch die ganze Zeit auf flimmernde Bildschirme geglotzt habe, sodass die Augen noch tagelang brennen. Vielleicht schaue ich auch einfach so raus in das Graugrüne, in dem zu Leben ich mir ausgesucht habe, lasse es vorüberziehen, die Gedanken kommen und gehen. Fast denke ich gar nicht daran, die Mails zu lesen, heut nicht mehr. Dazu perlt erfreulich ein kaltes Bier mit Bitterstoffen. Auf allen Schildern steht Lesbares. Eine Taxifahrerin, mit der ich nicht handeln muss. Zu Hause aufschließen, durch alle Räume gehen, dem Dschungel im Schlafzimmer „Bist Du aber schön gewachsen!“ sagen, bestaunen, wie komfortabel ich so das ganze Jahr wohne und wie viele Dinge ich besitze – fast ein bisschen zu viele. Frische norddeutsche Luft reinlassen, die Heizung aufreißen, Juhu, sie funktioniert! Und die Dusche erst, so als freute sie sich, mich wiederzusehen. Der Geruch meiner Bücherregale, etwas Unbehördliches im Briefkasten, mit dem ich nicht gerechnet habe, mit der Hand geschrieben. Meine Kaffeemischung, meine Geschirrtücher, der Duft des vertrauten Spülmittels. Einen Wein einkühlen, der schmeckt, die Vorfreude darauf. Rauszieh-Taschentücher, von denen man nur eins braucht. Das kontemplative Rauschen des Wasserkochers, meine Kaffeemischung, köstlich. Einkaufen gehen beim vertrauten Markt, alles anschauen, zu viel kaufen, egal, ich bleibe ja jetzt hier. Käse, Wurst, Kartoffeln, Kohl, Äpfel. Zu müde zum Kochen. Meine Schlafsocken, meine Zahnpasta, zwei gesparte Folgen Arztserie für Sonntag, was für ein Glück, mein Kopfkissen, mein Kräutertee aus meiner Tasse.

Zu diesem Heimkomm-Gefühl habe ich uns eine einfache Pfanne gemacht mit Zutaten, die auch im Winter hier zu haben sind (sehen wir mal von den Gewürzen ab) und zu denen einzeln erstmal niemand „Auja“ ruft. Mich stimmt dieses Gericht versöhnlich mit der Landschaft in der ich mir zu leben ausgesucht habe. Und es geht schnell. Manche würden hierbei über Comfort-Food sprechen – was das wohl auf deutsch heißen würde? Was ist Dein Comfort-Food? Was sind Deine kleinen Genussmomente in dieser Jahreszeit?

Herzliche Grüße aus der Küche gegen den Weltuntergang

Luka Lübke

Pfanne mit Kartoffelscheiben

Wieder-Daheim-Pfanne 2025

Rezept für 2 – es schmeckt aber auch aufgewärmt am Folgetag, dann passt ein Ei dazu

  • 600 g rohe, festkochende Kartoffeln, sauber geschrubbt oder geschält, dann fein gehobelt oder geschnitten
  • 60 g Speck, der fett sein darf, fein gewürfelt
  • 1 TL Kümmel ganz
  • 1 Glas Weißwein oder Brühe
  • 4 EL Sauerkraut
  • 1 Handvoll Lauch, in feine Ringe
  • 2 Knoblauchzehen, feine Scheibchen
  • 1 TL frischen Ingwer, fein gehackt oder gerieben.
  • 1 Handvoll Spitzkohl, fein geschnitten
  • 6 Pilze, fein geschnitten
  • 1 Apfel, mit Schale in feine Scheibchen
  • 1 Lauchzwiebel, in feine Ringe

Den Speck in einer großen Pfanne vorsichtig auslassen, Kartoffeln dazugeben und durchschwenken. Kümmel und Wein dazugeben, mit Deckel fünf Minuten garen lassen, Kraut und Lauch hineinschwenken und offen fertig garen, das Gemüse darf etwas Biss behalten. Je nachdem, wie fein Du geschnitten hast, dauert das 2 – 5 Minuten. Am Ende Pilze und Äpfeln mitschwenken und Abschmecken.

Zum Abschmecken nehme ich frisch gemahlenen Pfeffer, Majoran, Fischsauce und Chili, Du kannst aber auch Muskatnuss, Fenchel und alle frischen Kräuter dazu ausprobieren. Wenn Du keinen Weißwein genommen hast, kann ein kleiner Schuss Essig etwas Frische bringen. Lass es Dir schmecken und wandle nach Herzenslust ab!

Zum Nachtisch noch ein paar werbefreie Inspirationen aus dem Text:

Der Wein, den ich eingekühlt habe, ist ein handgelesener von Barbara Öhlzelt: 2023 Kamptal DAC Grüner Veltliner Ried Blauenstein. Im Netz findest Du Barbara Öhlzelts Weine unter Weinberggeiss.

Meine Kaffeemischung: dafür nehme ich gute Bohnen keines bestimmten Fabrikats und mahle sie für ein paar Tage vor, mische sie mit gemahlenem Kardamom, bitterem Kakaopulver, Nelke, Zimt und etwas Chilipulver. 

Meine Lieblingszahnpasta ist von Retterspitz und nicht süß, dafür erfrischend minzig und sehr ergiebig.

Meine besten, schönsten Geschirrtücher sind entweder von Birgit Morgenstern Studios oder von Leitner Leinen. Sie machen etwa drei Prozent meiner gesamten Geschirrtücher aus und bleiben bestimmt noch viele Jahre etwas Besonderes.

*Ich habe mal in Hongkong eine Stunde lang an einer Mettwurst gerochen, die in der Wohnung einer deutschen Freundin an der Wand hing. Nach mehreren Monaten Südostasien kann sich eine solche Sehnsucht beeindruckend entwickeln – fast als wären dabei Hormone im Spiel.  Auf einer anderen Reise wurde ich in meiner Hütte von einem fürchterlichen Gestank geweckt, der nicht von einem Stück Aas unterm Bett, sondern von meinem eigenen Körper ausging – ich hatte nach zwei Monaten Lokal-Food mal wieder Käse gegessen. Seit dem Tag weiß ich und empfehle dringlich weiter, wie fair es ist, als Fremder in Asien, will man dort öffentliche Verkehrsmittel benutzen oder geschlossene Räume betreten, für eine Weile auf Milchprodukteverzehr zu verzichten. 

Roh gebratene Kartoffeln mit Kraut und Äpfeln
Roh gebratene Kartoffeln mit Kraut, Pilzen und Äpfeln

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